Katherine Newbegin

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Behind the scenes
Matthias Baus / Katherine Newbegin

Innen an Aussen, Innen an Aussen, könnt ihr mich hören da draussen?
(Rainer von Vielen)

Innen- und Aussenwelten – das sind die zwei großen Interessensfelder der Fotografen Matthias Baus
(1973) und Katherine Newbegin (1974). Beide blicken hinter die Kulissen menschlicher Zivilisation:
Newbegin hinter verschlossene Türen verlassener Hotelzimmer, Baus hinter die Gesichter seiner in
extremer Nähe aufgenommenen Modelle.
Anstelle klassischer Portraitfotografien entwickelt Baus „Teilportraits“, in deren Fokus die
zentralen Teile der Gesichtsphysiognomie stehen – Auge, Nase, Mund. Seine Modelle blicken frontal in
das Auge der Kamera, ihr Blick ist klar, die Miene ernst und unbewegt. Baus erfasst seine Modelle
nahezu getreu der Passbildvorschriften für den biometrischen Reisepass. Durch den extrem begrenzten,
verfremdenden Bildausschnitt wird der Betrachter allerdings in eine neue metabildliche Dimension
gezogen. Der Vorhang der Pupille scheint sich aus Baus´ Betrachterperspektive heraus lautlos
aufzutun, der Blick hineinzugehen - um schließlich etwas vom Inneren, von der Seele des
Portraitierten zurück nach Aussen zu transportieren. Dieses inhaltliche Prinzip des
ans-Tageslicht-Förderns menschlicher Regungen und Emotionen – in gewisser Weise eine
Demaskierungsstrategie - wird gestützt von Matthias Baus´ fotografischer Herangehensweise: die
Gesichter werden in ihrer Teil-Totale gleichmäßig kräftig ausgeleuchtet, Falten und Hautunebenheiten
somit sichtbar gemacht, Hintergründe hingegen verwischt. Bei längerem Hinsehen tun sich ganze
Farbflächen auf, hautfarbene Großflächigkeit dominiert. Von Angesicht zu Angesicht steht der
Betrachter im Galerieraum Matthias Baus´ Gesichtern gegenüber, der direkte Blick des Portraitierten
fesselt den eigenen und zieht einen förmlich hinter die Oberfläche des Diasecs in ein direktes
Zwiegespräch mit dem Abgebildeten hinein – diesen Blicken kann man sich einfach nicht entziehen!
Im Gegensatz zu Matthias Baus´ inwärts gerichtetem Blick hält die Amerikanerin Katherine Newbegin
mit ihrer Kamera die äußerlich sichtbare Welt fest. Newbegin reist seit Jahren durch die USA, Kuba
und die ehemaligen Ostblockstaaten, wo sie verlassene Hotels mit menschenleeren Lobbies aufspürt und
hinter verschlossene Zimmertüren blickt. Die monumentale Tourismusarchitektur in den ehemalig
kommunistischen Ländern oblag im Gegensatz zum amerikanischen Disneyidyll nicht der freien
Marktwirtschaft, sondern der regimegesteuerten Verwaltungspolitik. Newbeginn forscht nach
Unterschieden sowie Gemeinsamkeiten von Architektur und Interieur vor und hinter dem ehemaligen
eisernen Vorhang. Räume, die von Menschen genutzt und wieder verlassen wurden, zeugen auch Jahre
später noch von ihren ehemaligen Bewohnern: abgerissene Tapeten, umgeworfene Stühle, verschrumpelte
Luftballons, bunte Kleiderhaufen, zerwühlte Laken, zugezogene Vorhänge, zurückgelassene Bücher – das
alles führt uns vor, dass hier einmal gelebt, geliebt, gefeiert wurde. Trotz der bisweilen
fröhlichen Farbigkeit der Interieurs – pinke und orange Sitzmöbel, bunte Kronkorken, ein blaues
Telefon - klingt die melancholische Atmosphäre des Vergangenen in Newbegins Bildern deutlich nach.
Gleichzeitig erzählen uns die Aufnahmen von ehemaligen Wohn- und Dekortrends, die heute komisch,
kitschig und geschmacklos wirken, bisweilen aber auch wieder absolut im Trend liegen können.
Demontage und Demaskierung gehören gleichermaßen zu Newbegins und Baus´ fotografischer Strategie:
Katherine Newbegin demontiert mit ihren Interieuraufnahmen Wohnkulissen, die einst regimekonforme
Ferienatmosphäre ausstrahlen sollten und Matthias Baus untersucht mit großem psychologischem Gespür,
was sich hinter der sichtbaren Oberfläche menschlicher Gesichter verbirgt.
Zur Ausstellung erscheint ein Katalog.

Verena Bader, M.A.